![]() | 15. Mai 2011 Des Rätsels Lösung Das Paar saß auf der anderen Seite des Ganges im Frühabendzug. Nah beeinander, denn sie lösten zusammen das Sudoku-Rätsel der Tageszeitung. Mittleres Alter und ich schätzte, verheiratet – schon etwas länger verheiratet, denn es war eine gewohnte Vetrautheit zwischen ihnen. Ich lächelte, denn ich sah gerne ein Paar, das noch etwas miteinander machte und sich nicht, wie so oft, anschwieg. Dann vertiefte ich mich wieder in den Leitartikel meiner Zeitschrift. Ich horchte auf, als ihre Stimme lauter wurde. Sie insistierte offensichtlich auf eine Lösung, die er ablehnte. ...doch, das kommt da rein, ich weiß es genau... Er flüsterte, sie beharrte mit zunehmender Lautstärke. Seine Sturheit schien stärker als ihre Argumente zu sein, und nach ein paar weiteren Sätzen, die in die müde Stille des schwach besetzten Großraumabteils knallten, verstummte sie und starrte mit versteinertem Gesicht aus dem Fenster. Er füllte unbekümmert weitere Kästchen mit Zahlen. Also doch nicht so idyllisch, wie ich angenommen hatte – da war es wieder, das Paar-Schweigen! Nach einer Weile brach es erneut aus ihr heraus: ... ich hatte es angefangen, und nun lässt du mich nicht mehr mitmachen... ich sitze hier in diesem öden Zug und habe nichts zu tun...das ist so typisch für dich... nein, so brauchst du mir nicht zu kommen... es ist mein Rätsel gewesen, und du hast es mir weggenommen... Sie redete sich in Rage, seine Erwiderungen, immer noch unhörbar für mich, machten sie offensichtlich immer wütender, bis sie aufstand, sich an ihm vorbeischob und den Gang hinab lief. Ich sah aus dem Fenster in die dämmernde Landschaft. Ehealltag. Sinnloser Streit um eine dämliche Kleinigkeit, hinter dem man die Muster ihrer Beziehung ahnen konnte. Wo war die anfängliche Harmonie geblieben? Und wie würde dieser Samstagabend bei den beiden aussehen? In wütender (bei ihr) und hilfloser oder genervter (bei ihm) Stummheit würden sie nach Hause gehen, dort in getrennten Zimmern den Abend verbringen. Er würde sich vor den Fernseher flüchten oder in ablenkende Arbeiten, sie würde sich vielleicht in einem Telefonat mit einer Freundin ausweinen. Vielleicht würden sie weiter streiten, vielleicht flögen außer Worten auch noch Teller zu Boden. Vielleicht ging auch einer an seinen Computer, in ein Forum, wo er mehr Aufmerksamkeit, Verständnis und Freude finden konnte als bei seinem Partner. Meine Gedanken suchten einen anderen Ausweg aus dem Dilemma: Was wäre, wenn er ihrer Leidenschaft, die sich im Zug in einer destruktiven Variante gezeigt hatte, seine Kraft entgegensetzen würde, wenn er anstatt stummer Passivität eine körperliche, sexuelle Handlung wählen würde? Ich stellte mir vor, dass er ihre zornige Tirade mit einem Kuss beendete, einem kraftvollen, fordernden Kuss, der sie verstummen ließ. Dabei müsste er sie festhalten, ihre wehrenden Hände packen, sie womöglich an die Wand drücken. Vielleicht auch ein fester Griff in ihr Haar, damit sie sich seinem Mund, seinen Lippen nicht entziehen könnte. Seine Zunge, die sich um ihre windet, würde ihre Worte ersticken, in Gemurmel auflösen. Seine Leidenschaft – und sie dürfte auch wütend sein, denn sie hat ihn im Zug bis an die Grenze genervt, auch wenn er es nicht zeigte – bräche endlich aus ihm heraus und würde etwas in ihr schmelzen lassen. Noch im Flur würde er ihr die Jacke herunterreißen, noch immer in ihrem Mund mit seiner hungrigen Zunge, hungrig nicht nach Worten, sondern nach ihrem Speichel, ihrem weichen Inneren... bei den Blusenknöpfen würden ihre fliegenden Hände schon helfen, eine zumindest würde sich aus seinem Haar lösen, in das sie sich jetzt nicht mehr zur Abwehr krallte, und seinen suchenden Händen begegnen, damit er ihren Busen greifen konnte... und dann wäre in ihrem Hals nur noch ein Stöhnen und keine Worte mehr... und mit seinen Lippen an ihrer Brust- saugend, beißend, Speichel fließend- würden vier Hände zwei Hosen öffnen... ohne sich loszulassen würden sie auf zwei, drei Beinen taumelnd ihre Unterkörper freilegen, seine Hand würde ihre Schenkel suchen, die Schamlippen finden- die trockene Wut schon überspült vom feuchtem Wunsch, genommen zu werden... und ihre Hand würde sein Glied umfassen, kraftvoll und groß, und sie zöge ihn zu sich, in sich hinein... und dann, endlich, hätte sie sein Widerwort, sein Argument, das alles schlägt, Stoß für Stoß würde er ihr jedes ihrer Worte vergelten... und sie würde es gelten lassen... und nur noch Stöhnen und Schrei wäre das, was sie sich zu sagen hätten. Atemlos lägen sie aufeinander. Wortlos. Gelöst. ©tangocleo 2011 |
![]() | 15. Mai 2011 Witzig... Ich bereite gerade ein Seminar vor und... habe mir von wenigen Minuten ein Bild von Priamos besorgt...mit einem Riesenphallus...und ihn als Variante zur Konfliktlösung angeboten Warum so wenig Männer auf diese Idee kommen? Viele beklagen sich doch über zu wenig Sex....Konflikte gibt es doch genug! Danke für diese tolle Geschichte! |
![]() | 15. Mai 2011 Das ist doch mal wirklich gut !!! Liebe tangocleo, diese kleine Momentaufnahme gefällt mir sehr! LG Sam |
![]() | 15. Mai 2011 Danke, die Damen!... und es beruhigt mich besonders, dass diese Lösung anderen Damen gefällt und ich nicht allein mit meiner Streitschlichteridee bin! |
![]() | 15. Mai 2011 Ich meinte natürlich Priapos...sollte jemand diesen Gott der Fruchtbarkeit suchen...der Glücksbringer für reiche Ernte |
![]() | 15. Mai 2011 hatte mich schon gewundert, welche Ausgabe der Troja- Geschichte du hast... lach... obwohl auch der Priamos mit reichlich Kindern seine Manneskraft bewiesen hatte... |
![]() | 15. Mai 2011 Saugut, cleomenal geschrieben! Doch thematisch habe ich da schon etwas Bauchweh. Wenn ein sich vertrauendes Paar dies in jungen Jahren (ich erinnere mich freudig!!!) spielerisch übt und beibehält : Superklasse! Wenn wegen der Höhe und Dicke der Mauer, die im Laufe der Jahre entstanden ist, zur Öffnung (Einwilligung) Gewalt nötig ist, nenne ich das Vergewaltigung. Vorher seelische von ihr- nachher körperliche von ihm. Das Manko ist der Verlust des Spürens von Grenzen. Warum sollten sie das beim Thema Lust können, wenn sie es bei einem Kreuzworträtsel schon nicht mehr hinbekommen? Ich würde Seminarteilnehmer genau dies mit geeigneten Übungen erfahren lassen. Übungen zum respektvollen Überschreiten von Grenzen. Zuerst der Eigenen, und wenn das angekommen ist, dann erst die von Anderen. Es ist für mich ähnlich wie bei SM - Praktiken. Wenn die Sicherheit durch unumstössliche Zeichen und/oder Vertrauen gewahrt ist, kann sich Schmerz in Lust wandeln. |
![]() | 15. Mai 2011 d`accordolove! Dass mein gedachtes Ende der Geschichte eine Gratwanderung ist, dass dazu ein beiderseits verbliebener Rest an Begehren und Zuneigung nötig ist... dass es am Ende eine Variante des gemeinsamen Spiels ist - steht außer Frage. Und dass es auf keinen Fall die Bestätigung des Täter-Spruchs sein darf: die hat es ja so gewollt! Aber wie oft habe ich den Spruch von Damen gehört: wenn er mich doch bloß mal wieder so packen würde, wie früher! Oder von Herren: wenn es doch mal wieder ein netter Liebeskampf würde anstatt des ewigen Wortgefechts! Ich kenne ein Paar, das sagt nach vielen Jahren: Nach einem Streit hatten wir guten Sex und alles war gut! Ich habe oft schon gewünscht: raus aus den endlosen Wortschleifen, von A nach Z und wieder zurück, Sex haben, ausschnaufen und darüber gemeinsam lachen... das müsste doch die Lösung sein! |
![]() | 15. Mai 2011 echt gut die geschichte ist fantastisch geschrieben, und auch wenn oloves einwand mich noch mehr zum nachdenken darüber brachte, ob diese lösung nun wünschenswert ist: ja, ist sie die wortlosigkeit, die sich bei paaren nach jahren einschleicht, kann durch sex zwar nicht vermieden, aber das vermissen eines zusammengehörigkeitsgefühls überwunden werden, denk ich danke cleo! |
![]() | 16. Mai 2011 ... raus aus den endlosen Wortschleifen, von A nach Z und wieder zurück, Sex haben, ausschnaufen und darüber gemeinsam lachen... das müsste doch die Lösung sein! Das ist auch eine gute Lösung - ähnlich wie sich anzuschauen und plötzlich gemeinsam schallend zu lachen ... Danach erscheint einem so manches vorher unüberwindliche Problem einfach nur lächerlich, und es wird klar, dass es eigentlich um was ganz anderes ging, das leider nicht ausgesprochen worden war. Wenn doch nur mehr Paare offen genug wären, mitten in einem Streit innezuhalten und zu lachen oder zu sexeln! Klasse Geschichte, mir gefällt sie. (Der Antaghar) |
![]() | 16. Mai 2011 Kopfklatsch Das Paar saß auf der anderen Seite des Ganges im Frühabendzug. Ich sah sofort den Fluss Ganges vor mir, an dessen einem Ufer entlang ein Zug fährt!!! Du hättest mein Gesicht sehen sollen, als ich dann las: machten sie offensichtlich immer wütender, bis sie aufstand, sich an ihm vorbeischob und den Gang hinab lief. Ich lese gleich weiter, aber ich wollte Euch nicht vorenthalten, welche Streiche einem manchmal durch den Kopf gehen können. LG Katzerl |
![]() | 16. Mai 2011 ;-)) ...zugegebenermaßen ist das mehrdeutig... danke für die nette "Zugabe"! |
![]() | 16. Mai 2011 PS: da summt im Hinterkopf doch gleich der alte Schlagertext:. "Kalkutta liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine, und dass ich so verliebt bin, das liegt an Madeleine.." |
![]() | 16. Mai 2011 Vorschlag: Das Paar saß auf der anderen Seite des Ganges im Frühabendzug. wäre vielleicht besser so auszudrücken: Das Paar saß in einem Frühabendzug, jeder auf einer anderen Seite des Ganges. (Oder so ähnlich) Dann wird die Assoziation Kalkutta vermieden. Nur so als Idee ... (Der Antaghar) |
![]() | 16. Mai 2011 Daß die beiden sich gegenübersitzen und sich weit in den Gang hinein zueinanderbeugen, um das Sudoku zu lösen, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. |