Frau Oberfeld

Teil 1 „Guten Abend, Frau Oberfeld! Wie geht es ihnen heute?“ „Oh, danke, Schwester Gerda! Mir geht es gut. Und ihnen?

25. Dezember 2009
Frau Oberfeld

Teil 1

„Guten Abend, Frau Oberfeld! Wie geht es ihnen heute?“

„Oh, danke, Schwester Gerda! Mir geht es gut. Und ihnen?“

„Mir geht es auch gut. Sie sollen mich nicht immer Schwester Gerda nennen! Ich hab ihnen Grünen Tee gemacht.“

„Ich werde sie immer Schwester Gerda nennen, das wissen sie ganz genau. Also warum beschweren sie sich immer auf’s Neue?“

„Ja, das weiß ich. Und sie werden sich auf ihre alten Tage keine neue Anrede angewöhnen.“

„Sehr richtig. Sie lernen ja doch dazu, Schwester Gerda. Zwar etwas langsam für meine Begriffe, aber immerhin. Es besteht noch Hoffnung, daß sie eines Tages die Leitung dieses Hauses übernehmen. Nur leider werde ich das nicht mehr erleben dürfen, wenn sie sich weiter in diesem Tempo entwickeln. Bedauerlich!“

„Sie machen wohl Witze! Ich? Die Leitung übernehmen? Ich würd ‘n Teufel tun!“

„Ja, sie haben recht. Dafür haben sie ein viel zu weiches Herz. Sie werden immer Krankenschwester sein und alten Schabracken wie mir den Alltag mit ihrem Liebreiz versüßen.“

„Ich bin Altenpflegerin, aber das wissen sie ja selbst.“

„Und eine hevorragende Altenpflegerin, wenn ich das mal so sagen darf. Es ist für mich jedes Mal ein Highlight, mit ihnen zu plaudern.“

„Hey, Frau Oberfeld! Sie befleißigen sich ja eines geradezu jugendlichen Ausdrucks! Mein Kompliment!“

„Ach pappelapapp! Dafür reden sie aber jetzt völlig geschwollen. Das ist doch gar nicht ihr Stil. Ich habe übrigens sehr wohl registriert, daß sie der Schabracke nicht widersprechen.“

„Der Schabracke habe ich ebenso oft wie vergeblich widersprochen. Es ist also sinnlos. Und es stimmt, diesen Stil habe ich ja auch von ihnen gelernt. Ich lerne zwar langsam, aber ich lerne. Und mir geht es genauso, ich unterhalte mich wahnsinnig gerne mit ihnen.“

„Dankeschön, lieb von ihnen. Ich genieße ihre Gegenwart und daß sie einen Teil ihrer freien Zeit mit mir verbringen. Ich weiß ja, daß sie es nicht für mich tun. Jedenfalls nicht in erster Linie.“

„Das stimmt. Eigentlich tu ich es für mich. Ich lerne so viel von ihnen.“

„Vielen Dank für den Tee. Warum nehmen sie sich nicht auch eine Tasse? Ich habe gehört, daß die Amelie gestorben ist. Heute morgen hat der Herrgott sie zu sich geholt.“

„Ja. Sie hätte so gern ihren Neunzigsten gefeiert.“

„Ihren missratenen Sohn habe ich heute Vormittag auf dem Flur gesehen. Ihm war die Erleichterung deutlich anzusehen. Jetzt kann dieser Crétin endlich an ihr Geld. Scheußlich!“

„Dieser was?“

„Dieser Trottel. Er ist ein Dummkopf, ein raffgieriger Einfaltspinsel. Von Amelie hat er diese Gene nicht. Gott, wie habe ich sie bedauert! Für sie war es ein schweres Schicksal. Wussten sie, daß er versuchte, sie für unzurechnungsfähig erklären zu lassen?“

„Nein, das wusste ich nicht. Aber ich finde ihn auch einen ziemlichen Idioten. Sie scheinen ja gar nicht traurig über ihren Tod zu sein.“

„Ach, Teuerste! Weshalb sind wir denn hier? Das ist hier die Endstation, ein Kopfbahnhof. Wir steigen alle nacheinander aus, jeder für sich allein. Die Amelie hat sich doch darauf gefreut, das wissen sie so gut wie ich. Man konnte schon seit Wochen nicht mehr richtig mit ihr sprechen, so krank war sie.“

„Sie sind nicht traurig?“

„Nein. Ich bin sehr froh.“

„Froh, daß sie tot ist?“

„Ja … ach, was heißt froh! Es ist natürlich traurig, daß sie nicht mehr da ist. Wir haben sehr viel voneinander gehabt, die Amelie und ich. Sie war eine tolle Frau, auf ihre Weise. Wenn auch ein bisschen verbohrt, aber wer ist das nicht.“

„Sie haben sich oft in den Haaren gehabt, sie beide.“

„Und wie! Wissen sie eigentlich, warum? Nein, können sie ja nicht. Woher denn auch! Oder hat sie ihnen das mal erzählt?“

Um ehrlich zu sein, ja. Es ging immer wieder um Männer, stimmt’s?“

„Pah! Hätte ich mir denken können, diese alte Plaudertasche! Also raus mit Sprache, was hat sie ihnen erzählt?“

„Ich weiß nicht … ich kann doch jetzt nicht … sie ist doch gerade erst gestorben.“

„Na gut, das kann ich verstehen. Aber mir ist das egal. Ich stehe ja selbst an der Schwelle. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil, so kurz vor dem Tod zu stehen; man muss keinerlei Rücksichten nehmen. Ich kann mir ohnehin vorstellen, was sie ihnen erzählt hat. Sie hat ihnen erzählt, daß ich ein verdorbenes Luder gewesen bin. Daß ich so viele Männer hatte wie sie Frühstückseier. Daß ich sie mir genommen habe, wie es mir in den Sinn kam. Und daß es mir Spaß gemacht hat, weil ich sie mir aussuchen konnte. Das hatte sie nie, und deshalb war sie oft so griesgrämig. Seien sie ehrlich; hat sie das gesagt?“

„Ja, sowas in der Art hat sie gesagt.“

„Na also! Hab ich mir doch gedacht. Die Ärmste! Sie war bis zum Ende gefangen in ihrem blödsinnigen Katholizismus. Stellen sie sich mal vor: Sie sind gerade mal Anfang Zwanzig, haben während des Zweiten Weltkrieges einen Liebhaber, der ihnen ein Kind macht und dann vom Schlachtfeld nicht zurückkehrt, und sie glauben allen Ernstes, daß der Herrgot sich da was überlegt hat! Daß sie nämlich bis an ihr Lebensende keinen Liebhaber mehr bekommen. Das ist das Tragische an Amelies Leben gewesen. Sie ist eine Zwangsheirat mit Gott dem Allmächtigen eingegangen, und am Ende hat sie sich auch noch darauf gefreut, zu ihm zu ziehen. Na, sei’s drum. Es ist allemal besser, im Alter zu glauben, man habe das Richtige getan. Ich hätte ihr jedenfalls nicht gewünscht, kurz vor dem letzten Gang zu merken, daß es keine gute Idee war. Deshalb musste sie so denken, da bin ich ihr nicht böse. Aber insgeheim ist sie neidisch gewesen, jede Wette.“

„Sie sind aber nicht gerade versöhnlich mit ihr. Sie war halt so erzogen worden. Wie hätte sie denn über ihren Schatten springen sollen? Gerade in der Zeit damals, mit unehelichem Kind und ohne Einkommen?“

„Ich bin ja gar nicht unversöhnlich. Aber das ist doch genau der Punkt! Sie hatte ja wirklich keine Ahnung und keine Chance! Es ist so ärgerlich und ungerecht, daß so viele Frauen ihr Leben mit Arbeit und Versorgen zubringen und keine Chance bekommen, sich auch als Frau fühlen zu dürfen. Sie wissen, was ich meine. Am Ende sitzen sie ihre Tage in einem stillen Seniorenheim ab, wenn sie alt sind, trocken und kalt. Scheußlich!“

„…“

„Jetzt schauen sie nicht so, Schwester Gerda! Sie wissen ganz genau, wie sie mich nehmen müssen. Ich habe die Dinge immer beim Namen genannt. Und ich bin nicht schlecht damit gefahren. Gott weiß, daß es so ist.“

„Also irgendwie verstehe ich das mit ihrem Gott nicht. Bei Amelie ist er ein ungerechter Gott, der sie nicht zu ihrem Recht kommen lässt, und bei ihnen ist es anscheinend ein anderer Gott.“

„Ach, das mit Gott nehmen sie lieber nicht so ernst, meine Liebe. Ich hab mal an ihn geglaubt und zu ihm gebetet und ihm gedankt, daß es mir so gut geht. Heute weiß ich nicht, ob es einen Gott überhaupt geben kann. Aber so einen, an den Amelie glaubt, den gibt es mit Sicherheit nicht, jede Wette! Ich bete auch nicht mehr. Warum sollte ich? Wenn es ihn gibt, sehe ich ihn sowieso bald. Meine Redensarten sind halt geblieben, wie sie waren. Da kommt er nun mal drin vor, das hat nichts zu bedeuten.“

„Also glauben sie nicht an einen Gott?“

„Ich glaube an keinen Gott, vor dem man sein Haupt neigen muss. Was ist mit ihnen, Schwester Gerda? Glauben sie an diesen Mann?“

„An diesen Mann?“

„Ja, oder meinen sie etwa, das sei eine Frau?“

somamann 2009
26. Dezember 2009
Respekt.

sehr interessant geschrieben
28. Dezember 2009
Bravo Somamann!

Ein herrlicher Dialog und ein gutes Beispiel dafür, wie man Figuren zum Sprechen bringt!
Einziger Verbesserungsvorschlag wäre eine spürbarere Differenzierung in der Sprechweise der Dialogführenden. Es hilft beim weglassen der Sprechenverben die Personen auseinander zu halten.
Bei derart langen Dialogen helfen mir nicht einmal mehr Leerzeilen zwischen den Sprecherwechseln und ich muss immer mal wieder Absätze zurück springen um mich zu orientieren.

Aber ansonsten wirklich Klasse. Schön zu lesen...
04. Januar 2010
sprecherwechsel

also, wenn man sich den text einfach ausdruckt und dann genüßlich auf papier liest, dann hat man auch absolut keinen stress die sprecherwechsel zu realiesern.

somamann: mach bitte weiter so. wann folgt teil 2-9?

naxosnixe
04. Januar 2010
geht sicherlich nicht ............

somamann hat sich abgemeldet ..........

bei seinen eingestellten Sachen steht meist unten:

(Gast)

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